Tage wie diese…

… oder auch: als die Welt kurz stehen blieb.

Meine Augen sind geschlossen während einige Lichtstrahlen durch die Baumkronen brechen und mein Gesicht streicheln. Meine Nase nimmt den süßlich warmen Geruch von Frühling wahr, dieser Geruch der über Nacht plötzlich da ist. Er lässt uns schlagartig  von Sommernächten träumen. Ich denke an die Sommernächte in meinem Heimatstädtchen, als wir uns Nachts auf die aufgeheizten Tischtennisplatten unserer Schule gelegt haben, billigen Sekt tranken und stundenlang in den Himmel blickten. Auf dem Land leuchten die Sterne viel heller als in der Stadt. 

Ein Geräusch reist mich aus den Gedanken. Ein schweres Brummen. Blinzelnd öffne ich ein Auge und kneife das andere zu. Die Sonnenstrahlen blenden mich. Da seh ich sie – eine richtig dicke Hummel. Gemütlich fliegt sie an mir vorbei. Ich beobachte sie. Flauschig und freundlich brummt sie vor sich hin und fast überkommt mich das Verlangen sie zu streicheln – langsam genug fliegt sie mit ihrem runden Körper. Eine flauschige Kugel die gemächlich meinen Balkon erkundet. Wieder werde ich durch ein Geräusch abgelenkt. Das laute Lachen eines kleines Jungen dringt zu mir. Auf der Suche nach dem strahlenden Gesicht, welchem dieses glückliche Geräusch entsprungen sein muss, entdecke ich, dass der große Strauch unten im Garten bereits blüht. Ich weiß nicht was für einer es ist – aber die gelbe Farbe der Blüten macht mir ziemlich gute Laune. Und dann ertönt es wieder, das glückliche Lachen. Da entdecke ich ihn: im Innenhof des Nachbarhauses steht der Knirps von vielleicht 6 Jahren und spielt mit seinem Vater Federball. Sein glucksendes Lachen steckt mich an und ich beobachte die beiden eine Weile. Beide strahlen völlig losgelöst über das ganze Gesicht. Ich frage mich, wann der Mann das letzte mal so viel Zeit mit seinem Sohn verbracht hat, gesehen habe ich die beiden noch nie. Die Sonne blendet und ich schließe wieder meine Augen, lausche dem Leben um mich herum und merke dabei nicht, wie ich mir den ersten Sonnenbrand des Jahres einfange.

Es war die zweite Woche mit Corona. Die ersten Tage waren eine Art Schockstarre aus der wir uns langsam lösten. Es folgte eine regelrechte Ungläubigkeit darüber, dass uns so etwas passiert. Ich werde einen Sonntagabend aus diesen ersten Wochen nie vergessen. An diesem Tag traf mich die Klarheit über unsere Situation wie aus dem Nichts. Trotz der Corona-Informationsflut die bereits minütlich auf uns niederprasselte, waren es die abendlichen Nachrichten, die mich plötzlich zum Weinen brachten. Es wurden wieder die aktuellen Zahlen der Toten bekannt gegeben. Und in diesem Moment dachte ich an all die unzähligen Verwandten und Freunde der Verstorbenen. Es zerriss mir das Herz daran zu denken, wie viele Menschen genau in diesem Moment auf der Welt trauerten. Erschrocken von meiner Reaktion und weil ich es nicht ertrug, machte ich den Fernseher aus.

Es ist nicht nötig nochmal alles aufzuzählen was dann passierte: von Hilfsaktionen für lokale Geschäfte und Restaurants bis hin zu Musikern, die von ihrem Balkon aus für die in Quarantäne lebenden Nachbarn musizierten und unzählig vielen anderen großartigen Aktionen, versuchten und versuchen die Menschen vor allem eins: sich auf alle erdenklichen Weisen die Hand zu geben und sich zu berühren, ganz ohne Körperkontakt.

Und nun befinden wir uns in Woche 5 oder 6 mit Corona, social distancing und einem eingeschränkten Leben, wie wir es noch nie kannten. Eine Woche im Frühling 2020 in der ich mein verschlafenes Heimatstädtchen ganz besonders vermisse. Warme Nächte auf der Tischtennisplatte, in denen unsere einzige Sorge war, ob man auf der Party am Wochenende den süßen Typen ansprechen sollte oder nicht. Wir vermissen alle irgendwen oder irgendwas. Die Frage ist für mich auch nicht, wann wird das alles zu Ende sein. Sondern: wenn das alles zu Ende ist, was für ein Mensch bin ich dann? Werde ich was gelernt haben? Und werde ich an dem Gelernten festhalten? Wird die Welt was gelernt haben? Ich habe Angst, dass die Antwort nein lauten wird und wir alle schnell wieder in unseren vorherigen Alltag zurückkehren. In das Hamsterrad aus Beruf, gesellschaftlichen Verpflichtungen und den vielen völlig sinnlosen Dingen die wir tun, von denen wir jedoch meinen, dass sie super wichtig wären. In das Hamsterrad welches uns so stark abhetzt, dass wir keine Zeit haben um dicke Hummeln zu beobachten oder mit dem Sohn mitten am nachmittag ausgiebig zu spielen.

Bitte lasst uns die Menschen bleiben, die alles dafür tun sich die Hand zu geben und sich zu berühren. ❤️

 

to be continued

 

 

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