Storytime!

Ich bin zu Besuch in der Heimat. Meine Mama und ich wollen zusammen in die Stadt, ein wenig bummeln und Kaffee trinken. Während ich darauf warte, dass sie endlich mit ihren Haaren fertig ist, spiele ich mit meinem Handy. Instagram natürlich, was sonst? Aus Langeweile schieße ich ein Selfie und lade es in meiner Story hoch. Da mir kein sinnvoller Text oder lustiger Spruch einfällt, versehe ich das Bild mit einem simplen „Hi!“. Ich merke dabei nicht wie meine Mutter bereits fertig ist und mich beobachtet. Als ich sie erblicke verdreht sie genervt die Augen und sagt: „Muss das immer sein? Müssen alle immer wissen was du tust? Wo du bist? Was du denkst oder isst? Hör doch mal auf damit!“. Ich lade die Story hoch, obwohl ich weiß dass sie mit ihrer Kritik Recht hat.

Im Laufe des Tages landen weitere unbedeutende Bilder und Videos in meiner Story. Eigentlich unbewusst. Aus Langeweile und Gewohnheit. Kennt ihr das? Ohne groß darüber nachzudenken teilen wir so viel von unserem Tag mit, dass es schon zur Selbstverständlichkeit wird. Manchmal erwische ich mich bei dem Gedanken, dass das soeben geschossene Bild von meinem Kaffee eigentlich total unnötig ist. Trotzdem kann ich nicht anders und poste es.

Aber was ist die Konsequenz aus all dem? Klar, ich habe mein offensichtliches Mitteilungsbedürfnis befriedigt. Denn immer wenn ich etwas poste, sende ich auch eine Botschaft über mich aus. Dies kann ganz unbewusst passieren. Nehmen wir den Kaffee mit meiner Mama. Ich teile offensichtlich mit: Mama und ich trinken Kaffee zusammen. Und unbewusst: Ich bin ein Familienmensch und verbringe gerne Zeit mit meiner Mutter. Aber was steckt in Wahrheit dahinter? Vielleicht dass ich eine schwierige Zeit habe. Und dahin flüchte wo ich mich wohl fühle. Wo ich wieder aufgebaut werde: Zuhause bei meiner Familie. Aber das teile ich meiner Community so nicht mit. Sie sieht einfach nur den Kaffee, den ich zusammen mit Mama trinke. Natürlich steckt nicht hinter jedem Posting eine tiefere Botschaft. Es macht ja auch einfach Spaß, lustige oder schöne Bilder und Videos zu posten. Und doch lässt sich vieles, viel mehr als wir vielleicht realisieren, aus den kleinen 24h Geschichten auf unserem Account ablesen.

Aber was passiert, wenn wir mal keine Story hochladen? Wenn um unser Profilbild kein leuchtender Kreis ist, der signalisiert, dass wir wieder etwas mitteilen wollen?

Es war Samstagabend und zusammen mit meiner Freundin wollte ich nach langer Zeit mal wieder tanzen gehen. Ich hatte stressige Tage hinter mir und freute mich auf ein paar Stunden Girlstime. Meine Freundin kam zu mir und wir machten uns gemeinsam fertig. Während wir uns schminkten machten wir einen kurzen Boomerang und luden ihn hoch. Es folgte ein gemeinsames Selfie. Als wir im Club angekommen waren, posteten wir noch den typischen „Wir stoßen mit unseren Gläsern an“ – Boomerang. Danach steckten wir die Handys weg und gaben uns Social Media Verbot! Einfach mal abschalten. Wir verbrachten den Abend auf der Tanzfläche, wo wir eh keinen Empfang hatten. So kamen wir auch nicht in Versuchung, irgendwelche weiteren Bilder oder Videos hinaus in die Welt zu schicken.

Am nächsten Morgen wurden wir in meinem Bett wach und lachten über den lustigen Abend. Während ich uns Kaffee kochte checkte ich mein Handy. Dort erwartete mich eine ungeahnte Konsequenz der kurzen Instagram-Abwesenheit. Mir wurden kritische Fragen gestellt warum ich nicht weiter Stories gepostet habe. Auch fantasievolle Gedanken wie der Rest der Nacht wohl verlaufen ist, wurden mir mitgeteilt. Es kam sogar der Hinweis, dass es ja seltsam sei 12h nichts zu posten (man Bedenke dass wir ja auch irgendwann geschlafen haben 😄). Ernsthaft?

Nach dem ersten Schock über diese heftigen Reaktionen folgten Entsetzen und Wut. Denn ich fühlte mich als Mensch abhängig gemacht von meinem Verhalten auf dieser App. Ich empfand es wie ein Eindringen in meine Privatsphäre. Aber welche Privatsphäre eigentlich? Prompt vielen mir die Worte meiner Mutter wieder ein. Ich hatte selber dafür gesorgt, anhand von Insta-Stories transparent und nahezu kontrollierbar zu sein. Und den Zuschauern Raum für Spekulationen zu geben.

Darf ich mir keine Pause gönnen? Keinen Abstand von dem Druck dauerhaft online sein zu müssen? Ohne das eine Abwesenheit meiner Stories für Stories in den Köpfen der Zuschauer sorgt? Doch, das darf ich!

Denn wir wissen alle, dass das was wir auf Instagram mitteilen immer nur ein Teil der Wahrheit sein kann. Meine Community hat gesehen, dass meine Freundin und ich feiern gehen und hat vielleicht gedacht: Die beiden haben Spaß, lassen es krachen! Dass ich eigentlich niedergeschlagen war und meine Freundin mich aufmuntern wollte, das hat keiner gesehen.

Ich werde weiter Stories posten. Auch wenn mich diese Erfahrung wirklich erschrocken hat und ich mir jetzt öfter Gedanken machen werde, was ich mitteile. Ich werde mir aber auch meine Pausen gönnen, wenn ich einfach keine Lust habe aktiv zu sein. Und dafür muss ich mich nicht rechtfertigen! Instagram ist nur ein kleiner Teil meines Lebens, ich werde eine solche Abhängigkeit nicht zulassen.

Und das solltet ihr auch nicht!😊

Eure Carina