Schwarze Pisten

Es ist nicht leicht das Gefühl zu beschreiben, welches ich empfinde wenn ich diese steile  Piste vor mir liegen habe. Es ist eine schwarze Piste. Zur Erklärung für nicht Skifahrer: blaue Piste heißt leicht, rot mittelschwer und schwarz schwierig. Diese hier ist besonders schwarz, es ist der Holzriese in den Dolomiten. Mit einem Gefälle von 71% eine der steilsten Abfahrten Südtirols. Nun stehe ich hier und muss diese Piste bezwingen. Denn es gibt keinen anderen Weg hinab. Ich empfinde Aufregung, Anspannung und Respekt. Dann überwältigt mich der Nervenkitzel und ich setze mich in Bewegung.

Schlagartig verschwinden alle Gedanken die mich noch bis eben beschäftigt haben. Mein Kopf ist leer. Die einzige Frage die ich mir nun noch stelle lautet: „Wo nehme ich die nächste Kurve?“. Die Skier richtig belasten, Körperspannung und zack zum nächsten Schwung angesetzt. So meistere ich die ersten hundert Meter wie im Rausch. Aber ich merke, dass ich zu schnell werde. Zu schnell auf einer zu steilen Piste! Ich fahre quer zum Berg und nehme so Geschwindigkeit raus. Am Pistenrand bremse ich ab und bleibe stehen. Ich schwitze und atme laut durch den Mund. Es ist Zeit für eine kurze Pause. „Wie wunderschön alles glänzt und glitzert“ denke ich mir, während ich den Schnee betrachte. Kurz schließe ich die Augen und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Ich genieße die kalte Luft und die Leere in meinem Kopf. Während ich tief einatme betrachte ich die Piste. Die Hälfte liegt noch vor mir. Augenblicklich setzt meine Konzentration wieder ein. Mein Körper ist angespannt, meine Gedanken klar und die Skier bahnen sich ihren Weg.

Skifahren schwarze Piste

Ich starte mit einigen breit ausgefahrenen, langsamen Kurven. Es ist steil und ich versuche die Piste, die Schnelligkeit und mich zu kontrollieren. Die ersten Schwünge laufen sehr gut, ich werde übermütig und gewinne schnell an Geschwindigkeit. Der Fahrtwind, die vorüberfliegenden Tannen und das Kratzen der Skier versetzen mich in eine Art Trance. Die vereiste Stelle sehe ich zu spät. Ich rutsche und kann mich nur im letzten Augenblick halten. Mein Herz schlägt heftig, ich höre es in meinem Kopf. Aber ich lasse mich nicht erschrecken. Das ausgeschüttete Adrenalin nutze ich um mit voller Energie das letzte Stück der Piste zu meistern. Ich fühle mich frei und lebendig, nichts kann mich aufhalten.

Meine Skier kommen zum Stehen. Ich bin völlig außer Atem und reiße mir die Skibrille und den Helm vom Kopf! Meine Oberschenkel brennen wie wahnsinnig. Gefühle von Erleichterung, Stolz und Dankbarkeit mischen sich in mir. Ich blicke die soeben bezwungene Piste hinauf und bin glücklich. Und noch ein Gefühl macht sich in mir breit: Vertrauen. Denn Vertrauen in mich und der Glauben an meine Stärken haben mich diesen Berg runtergebracht. Ich versuche dieses Gefühl möglichst lange zu bewahren, zu konservieren und mit zu nehmen. Und holen mich dann die Alltagsprobleme und Zweifel wieder ein, denke ich an all die schwarzen Pisten die ich schon bewältigt habe. Dann lasse ich das Gefühl des Vertrauens in mir wieder aufkommen und stürze mich in die Bewältigung meiner Probleme, so als würde ich den Holzriesen wieder bezwingen.

Was sind deine „schwarzen Pisten“? Welche Erfahrungen lassen dich auf deine Stärken vertrauen?

Deine Carina