Last Christmas!

Während wir noch in luftigen T-Shirts durch den Supermarkt schlendern, erleben wir jedes Jahr dasselbe. Und obwohl sich jeder den ich kenne darüber beschwert, wiederholt es sich doch jedes Jahr aufs Neue: Es ist September und vor uns stehen die ersten Regale voll mit Lebkuchen und Spekulatius! Und schlagartig wird uns bewusst, der Sommer neigt sich unweigerlich seinem Ende zu.

Nachdem wir durch die Supermärkte verfrüht an Weihnachten erinnert wurden, folgt aber erstmal der goldene Herbst. Sein Kennzeichen: Kürbisse. Wenn du kein Foto mit einer Kürbispyramide im Hintergrund hast, was hast du dann den ganzen Herbst getrieben?  Zumindest fühlt es sich so an, wenn man Instagram glauben will. 😄 Halloween, Allerheiligen und der 11.11 ziehen an uns vorbei und plötzlich ist es schon Mitte November. Eingekuschelt auf der Couch öffne ich Netflix und werde erneut und ganz dezent auf die bevorstehende Weihnachtszeit hingewiesen: Neben meinen Serien werden mir nun massenhaft Weihnachtsfilme vorgeschlagen. Und dann geht es plötzlich ganz schnell – Vorgärten, Restaurants und Cafes, überall wird schon mit Lichterketten, bunten Kugeln und Tannengrün geschmückt. 

„Puh, jetzt wird es ernst!“ denke ich mir. Und neben der erneuten Überraschung, dass es schon so spät im Jahr ist, macht sich ein weiteres Gefühl in mir breit: Wahnsinnige Vorfreude! Denn ich bekenne ganz öffentlich hier und jetzt – ich liebe diese kitschige, romantische, fröhliche und klebrig-süße Weihnachtszeit! Mit allem was dazu gehört. Kekse backen und Weihnachtslieder hören, mit Mama „3 Haselnüsse für Aschenbrödel“ schauen, Weihnachtsmarktbesuche mit viel zu süßem Glühwein, die Wohnung schmücken und und und… ! Ich weiß, dass es auch genug Leute gibt, die Weihnachten als kommerziellen Quatsch sehen. Aber das ist mir egal, ich lasse mich jedes Jahr neu darauf ein. So wie jedes Jahr „Last Christmas“ von Wham! das Weihnachtslied Nr. 1 ist!

Und so kam es, dass ich Ende November mit einer Freundin bei mir Kaffee trank und Spekulatius aß. Sie fragte mich, ob wir die Weihnachtszeit jetzt endlich offiziell einläuten wollen. Und schon lief die vertraute Melodie von „Last Christmas“. Ich musste lachen – verrückt wie dieses Lied jedes Jahr wieder funktioniert. Aber das Gefühl der Freude über die bevorstehende besinnliche Zeit bekam plötzlich einen ordentlichen Dämpfer. Denn mir wurde schlagartig klar: Nach 6 Jahren verbringe ich Weihnachten das erste mal wieder als Single. 

Die letzten 6 Jahre schmückte ich die Wohnung für jemanden, der genauso weihnachtsverrückt war wie ich. Ich bastelte ihm einen Kalender, er schaute mir beim Kekse verzieren zu, wir verbrachten gemütliche Abende auf der Couch mit Glühwein und Harry Potter Filmen. Plötzlich erinnerte ich mich daran, wie wir das erste Mal zusammen einen Weihnachtsbaum gekauft und geschmückt haben. Erinnerungen und Gefühle überkamen mich jetzt ohne, dass ich mich dagegen wehren konnte. Es würde dieses Jahr alles anders sein. Anders als es mir nun so lange vertraut war. Für wen sollte ich jetzt backen? Weihnachtsdeko? Für wen? Ich wohne alleine. Keine Romantik, niemand der sich mit mir bei meinem Lieblingsweihnachtsfilm an den selben Stellen kaputt lacht. Und plötzlich hatte ich keine Lust mehr auf diese Zeit, ich hatte sogar ein wenig Angst und versuchte Weihnachten zu ignorieren so gut es ging.

Einen Abend nach der Arbeit trieb mich mein Heißhunger dazu, einen Schokokuchen zu backen. Ich hatte das ganze Jahr nichts gebacken und nach wenigen Handgriffen machte es mir wieder richtig Spaß. Mich überkam so gute Laune, dass ich es sogar wagte, ein paar Weihnachtslieder zu hören. Nachdem ich mir dann zwei Stücke von dem Kuchen gegönnt hatte, ärgerte ich mich. Was für eine Verschwendung, wer soll denn jetzt den ganzen Kuchen essen? Den schaffe ich sicher nicht alleine. Grade als mich der Weihnachtsfrust wieder einholen wollte, fiel mir mein Nachbar ein. Ein älterer Mann, von dem ich wusste, dass seine Lebensgefährtin kurz vor meinem Einzug verstorben war. Immer wenn ich ihn im Flur traf, erzählte er ein bißchen von ihr. Also schnitt ich ein großes Stück ab und klingelte bei ihm. Im ersten Augenblick sah er mich etwas überrascht an. Aber als ich ihm den Teller in die Hand drückte, machte sich ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht breit. Gut, ich habe zwar keinen Freund der sich über meinen Kuchen freut, aber ein Haus voller Nachbarn, dachte ich mir. Also verteilte ich auch den Rest des Kuchens im Haus und war ziemlich zufrieden.

Plötzlich stellte ich fest, dass auch meine anderen geliebten Weihnachtsaktivitäten nicht einfach verschwinden, nur weil ich ohne Freund bin. Ein Adventskalender? Statt einen für meinen Freund zu machen, bastelten meine Freundinnen und ich uns gegenseitig welche. Meinen Lieblingsweihnachtsfilm schaute ich spontan mit einem Bekannten, der ihn noch nicht kannte. Es war ein super netter Abend, vor allem da wir uns als Freunde besser kennen lernten. Weihnachtsmarktbesuche? Mit den Mädels zwar nicht unbedingt romantisch, dafür aber umso lustiger! 😄

Einige Tage nachdem ich den Kuchen im Haus verteilt hatte, klingelte es bei mir. Es war der ältere Herr von neben an. Er gab mir meinen Teller zurück. und eine Flasche Wein als Dankeschön für den Kuchen. Mein Herz machte einen Hüpfer und ich war von dieser kleinen Geste ziemlich gerührt. 

Weihnachten ist dieses Jahr anders. Voll von anderen, neuen Begegnungen und Erlebnissen. Es ist zwar nicht das romantische Fest was es die letzten Jahre für mich war, aber es ist das Fest der Liebe – ganz unabhängig von dem Beziehungsstatus. Ja, ich feiere dieses Jahr Weihnachten das erste mal seit 6 Jahren als Single – aber ich bin nicht alleine. Im Gegenteil! Und das macht mich sehr glücklich. Denn so habe ich den Blick für andere Menschen um mich herum mehr geöffnet.

Ich wünsche euch eine wunderschöne Weihnachtszeit mit tollen Menschen um euch herum. Genießt diesen Zauber, völlig egal mit wem! ❤️