Hallo Leben, darf ich kurz Pause machen?

Ich komme nach der Arbeit in meine Wohnung, schließe die Tür hinter mir und atme einmal tief durch. Meine Couch lächelt mich an. Der dreckige Abwasch auch. Mein Handy leuchtet, eine Freundin fragt wann ich mal wieder Zeit für sie habe. Mahnend erinnert mich mein Gewissen daran, wann ich das letzte Mal beim Sport war. Mein Laptop steht startklar auf dem Tisch um meiner selbstständigen Arbeit noch ein paar Stunden nachzugehen. Im E-Mail Postfach wartet noch der Link zu einem vermeintlich motivierenden Podcast mit dem Thema: „Selbstbestimmtes Leben – wie ich alles erreichen kann was ich mir wünsche.“ Sorry Couch, heute nicht. Ich muss produktiv sein!

Ihr kennt sie, diese netten kleinen Motivationssprüche. Auf Instagram und Facebook, auf Postkarten oder Posterdrucken: Eigenmotivation wohin ich schaue! Aufforderungen aus meinem Leben das Beste rauszuholen, um mein volles Potential zu entfalten. Sprüche die mich animieren sollen, alles zu geben und mir klar machen wollen, dass nur ich selbst dafür verantwortlich bin etwas zu erreichen. „Disziplin ist die Brücke zwischen Traum und Erfolg!“ oder „Sei die eigene Bauherrin deines Königreiches.“ ! Jeden Tag soll ich eine bessere Version meiner Selbst werden. 

Und ich bin motiviert! Jede freie Minute denke ich darüber nach, was kann ich als nächstes tun, um an meinem Königreich zu bauen? Meine Karriere, meine Fitness, meine sozialen Kontakte? Welches Projekt wird als nächstes in Angriff genommen?

Dieser innere Drang, diese Stimme die mich immer weiter motiviert, verfolgt mich nun seit meinem Abitur. Mal lauter, mal leiser. Aber sie hat mich in mein duales BWL-Studium geführt. Arbeiten und zeitgleich studieren empfand ich als die beste Kombination mit optimaler Zeitersparnis. Und dann? Nach dem Bachelor ins Ausland gehen, das war ein Traum den ich heimlich hegte. Aber die Stimme brachte mich stattdessen zu einem Master-Studium. Vollzeit arbeiten und abends sowie am Wochenende studieren? Noch produktiver ging es kaum. Und zusätzlich füllte ich die wenigen freien Minuten noch mit dem Start einer nebenberuflichen Selbstständigkeit. Dieser innere Antrieb, der mich nicht Pause machen lässt, der mich dazu bringt ruhige Momente nur bedingt genießen zu können. Denn statt auf der Couch zu liegen und mir alle Teile von Bridget Jones reinzuziehen ( ja ich liebe diese Filme😄), kann ich ja auch weiter an der Ausschöpfung meines Potentials arbeiten! Zumindest wird mir das ja überall gesagt.

Meine andauernde Eigenmotivation ist zu einem Zwang geworden. Ich schämte mich manchmal für Momente, in denen ich nicht fleißig war. Und dann kam der Punkt an dem ich nicht mehr weiter konnte. Denn ich versuchte an so vielen Projekten gleichzeitig zu arbeiten, dass keins meine voll Aufmerksamkeit bekam. So konnte mir auch nichts gelingen. Und in der Konsequenz war ich natürlich frustriert, versuchte noch mehr an meinem Leben zu arbeiten. Denn ich muss ja jeden Tag nutzen, darf nicht rasten, denn wer rastet der rostet und so weiter… !

„STOP!“ sagte meine beste Freundin am Telefon. „Hörst du dich da überhaupt reden? Ich sage dir jetzt mal eins, ein Muskel der wachsen soll braucht Ruhephasen, Pausen! Also schwing dich auf die Couch, schau dir die blöde Bridget Jones an. Lass den Laptop zu! Und das wichtigste, sei dabei stolz auf dich. Lass dir von der Gesellschaft nicht einreden, dass du 24h was tun musst um eine tolle Frau zu sein!“. Und genau das tat ich in den vergangenen Tagen. Ich habe mir all diese Liebeskomödien, die um 2000 rauskamen, angeschaut. Ihr wisst schon, 30 über Nacht, Wie werde ich ihn los in 10 Tagen oder Manhattan Love Story…!😉 Manchmal zwei oder drei Filme hintereinander. Am besten mit einem Ben&Jerrys Eis dazu. Einfach mal richtig auf der Couch rumgammeln! Was sich erst falsch anfühlte, war im Nachhinein die beste Gelegenheit, mal in sich hinein zuhören. Und um tatsächlich zur Ruhe zu kommen. Aber das alleine reichte mir nicht, um voll und ganz abschalten zu können. Also fuhr ich mit einem Freund zum Fühlinger See und probierte Stand-Up Paddling aus. Es war wie die reine Entspannung, fast schon Meditation auf dem Wasser. Konzentriert auf mein Gleichgewicht und verzaubert von der Natur um mich herum, waren Kopf und Körper so frei und in Balance wie lange nicht mehr. Ein unfassbar tolles und lange vermisstes Gefühl.

Im Moment bleibe ich noch ein bißchen in dieser Ruhephase, ein paar Tage vielleicht. Ich werde meine Mutter besuchen, mir Filme angucken, mein Buch zu Ende lesen, Dinge tun die zwar nicht produktiv sind, aber sich grade richtig und gut anfühlen. „Mach dir die Welt ein bißchen kleiner.“ sagte man mir. Also werde ich Schritt für Schritt an meine Projekte und Baustellen herangehen. Zwar liebe ich diese innere Stimme, diese Energie die mich bisher immer angetrieben hat und ich werde sie auch niemals aufgeben. Aber ich muss lernen mit ihr besser umzugehen, vielleicht genauer hinzuhören. Und ja, ich darf Pause machen! Denn nur so werde ich für die Zukunft die Balance zwischen Wachstum und Entspannung halten können.

Und mit dieser Balance verliere ich mein wichtigstes Projekt nicht wieder aus den Augen: mich selbst. ❤️

Gib Acht auf dich, deine Carina.😊