Drinks de ejne met?

Es ist kurz vor fünf Uhr nachmittags, als ich endlich mit meinem Auto in Köln ankam. Ich kam von der Arbeit und hatte die erste Halbzeit des Deutschland Spiels gegen Korea verpasst. Naja, ich habe sie zumindest im Radio verfolgt, während ich bei der Hitze schwitzend und mitfiebernd über die Autobahn gedüst bin. Offensichtlich hat sich Korea in der ersten Spielhälfte gut geschlagen. Zumindest wenn man der nervenaufreibenden Berichterstattung des Radiomoderators glauben konnte. „So ein Mist!“ fluchte ich lauthals in meinem Auto, denn wie immer fand ich keinen Parkplatz. Aber die Zeit lief mir davon und in wenigen Minuten würde die zweite Halbzeit beginnen. Diese musste ich sehen! Und zwar unter Menschen, auf einem Bildschirm und unbedingt mit einem kalten Bier in der Hand. Also entschied ich mich notgedrungen für das Parkverbot (ich hoffe es lesen keine Ordnungshüter mit 😄).

Ich war noch neu in dem Kölner Stadtteil Sülz und kannte mich nicht aus. Getrieben von der Zeit stürmte ich daher in die erste Kneipe die ich sah, den Klettenberger Hof. Kurz hatte ich das Gefühl, dass mich alle anblickten, aber das war mir vollkommen egal. Ich kannte ja eh niemanden! Und warum soll ich nicht alleine Fußball gucken und Bier trinken dürfen? Noch bevor ich mich zur Theke durchgekämpft hatte, sprach mich eine ältere Dame an: „Wer bist’n du?„. Sie blickte mich neugierig aus ihren hellblauen Augen an. „Hi, ich bin Carina. Und ich brauche Fußball und Bier.“ Ja, das war tatsächlich meine nicht ganz ladyhafte, aber durchweg ehrliche Antwort. Ich dachte kurz sie würde mich für unhöflich oder einfach seltsam halten. Sie lachte. „Ich bin die Moni, hier ist dein Bier!“ Und sie reichte mir ein frisches kaltes Kölsch.

Moni und ich verfolgten gemeinsam mit dem Rest der Kneipenbesucher, wie Deutschland eine historische Niederlage kassierte. Zum ersten Mal in der Vorrunde gescheitert! Lautstark schimpften einige Herren neben mir, andere kritisierten Jogi Löw und die meisten verließen enttäuscht die Kneipe. Neben mir stand eine robuste blonde Frau. Während sie in der Spielzeit noch lautstark gegrölt hatte, flossen ihr nun Tränen über das Gesicht.

Gibt mal jemand dem jungen Fräulein noch ein Kölsch?!„. Ein sehr alter Mann mit flinken Augen hatte sich neben mir platziert. Stimmt mein Bier war leer, eines der vielen Willkommensgetränke, welches ich in den 45 Minuten Spielzeit bekommen hatte. Denn nachdem ich von meiner Neuankunft im Viertel erzählt hatte, wurde ich allen als die Neue vorgestellt. Ich kannte nun die Wirtin und beste Freundin von Moni sowie den Großteil der restlichen Kneipenbesucher. Jeder drückte mir ein „Willkommen-im-Viertel-Kölsch“ in die Hand. Es dauerte keine ganze Halbzeit und ich fühlte mich nicht mehr wie die Neue.

Wir standen nun allesamt an einem Stehtisch vor der Kneipe. Keiner hatte das Bedürfnis nach Hause zu gehen. Und auch die nun nicht mehr weinende Frau hatte sich zu uns gesellt. Wir plauderten über dies und das. Und natürlich über Köln, unsere Herzensstadt. Schließlich wurde leicht philosophisch, leidenschaftlich und gemeinschaftlich festgestellt: Kölsch ist zwar das lokale Bier, aber darüber hinaus ein Lebensgefühl von Gemeinschaft und Miteinander. Ganz nach dem Artikel 10 des kölschen Grundgesetz: Drinks de ejne met? ❤️

Nun lebe ich seit wenigen Tage in diesem zauberhaften Viertel. Moni treffe ich nächste Woche auf einen Kaffee (es geht auch ohne Kölsch😉). Und ja, den Titel auf den Fußball-Weltmeister 2018 haben wir verloren, ich aber habe etwas gewonnen. Nämlich eben jenes offene und leichte Lebensgefühl, Nachbarn die mich willkommen heißen und einfach einen Abend voller herzlicher Gastfreundschaft.

Köln – meine Stadt.😍